
Prof. Dr. Win van d'Beutel
Die neue Bundesregierung unter Angela Merkel (CDU) hat sich im Koalitionsvertrag auf Laufzeitverlängerungen der deutschen Atomkraftwerke festgelegt. Die Debatte um die Atomkraft wird schon seit Jahrzehnten emotional geführt. Hier stellt nun Hofi Enterprises die berühmte wissenschaftliche Untersuchung zum Thema von Prof. Dr. Win van d’Beutel, einem unabhängigen Experten der Universität Tübingen, zur Verfügung:
Atomkraft – Laufzeitverlängerungen zugunsten der Wirtschaftlichkeit und zum Schutz des Klimas?
Vorab das Fazit von Prof. Win van d’Beutel:
Seit dem Jahr 2000 ist der Ausstieg aus der Atomwirtschaft rechtlich in der BRD verankert. Diese Politik hatte ihre Legitimation seitens einer besorgten Wählerschaft, welche spätestens seit Tschernobyl auf die Gefahren der Atomwirtschaft hinweist! Mittlerweile gestaltet sich jedoch die Situation der Kernenergie besser als erwartet. Staaten wie die USA, Frankreich, Groß-Britannien oder China verhalfen jüngst mit ihrer atomstromfreundlichen Energiepolitik der Atomstromgewinnung zu einer Renaissance.49 Aufgrund der grundlegenden Zielkonflikte aller verfügbaren Energieträger bei Fragen der Energieversorgungssicherheit, der Wirtschaftlichkeit und nicht zuletzt der Umweltverträglichkeit, rückt die Kernkraft, als eine vorhandene und weiterhin nutzbare Energiequelle, im Rahmen von Laufzeitverlängerungen für die BRD, wieder in den Mittelpunkt der energiepolitischen Debatte. Der Diskurs über eine weitere Nutzung der Kernenergie muss jedoch, trotz expliziter Aufforderungen der atomstromfreundlichen IEA, konsequent an allen Prämissen des energiepolitischen Zieldreiecks geprüft werden. Hinsichtlich der Versorgungssicherheit und Wirtschaftlichkeit ist die Kernenergie in der Lage, momentan und zukünftig, wettbewerbsfähig bei einer hohen Versorgungssicherheit günstigen Strom zu produzieren. Selbst bei der Umweltverträglichkeit ist sie hinsichtlich der Treibhausgasvermeidung den fossilen Energieträgern Stein- und Braunkohle überlegen. Trotz aller Vorteile des Atomstroms darf aber nicht missachtet werden, dass die Kernkraft ein sehr hohes Gefährdungspotenzial für die Umwelt darstellt! Dieser Zielkonflikt darf bei allen Szenarien, welche mit einer zukünftigen Kernenergienutzung kalkulieren, nicht verharmlost werden. Ebenso, wie die fossilen Energieträger den Klimawandel zu einem gigantischen Bedrohungspotenzial für die moderne Zivilisationen machen könnten, schwebt über der Kernkraft das Damoklesschwert eines möglichen „Super-GAUs“ mit furchtbaren Konsequenzen für alle Lebewesen! Deshalb müssen alle bisherigen Ungereimtheiten der Atomwirtschaft vollständig gelöst sein, um für eine weitere Nutzung der Kernenergie plädieren zu können! Das gilt insbesondere für die Endlagerproblematik des Atommülls. Nur unter solchen Voraussetzungen ist es möglich, Laufzeitverlängerungen oder gar Neubauten von Kernkraftwerken, verantwortbar zu realisieren. Angesichts der Zielkonflikte bei den fossilen, als auch bei den regenerativen Energieträgern (Regenerative sind noch zu teuer bzw. nicht in der Lage ausreichend die Energieversorgung zu sichern, Fossile hingegen bedrohen das Klima und sind angesichts ihrer Verknappung einer hohen Preisvolatilität unterworfen), kann die Kernenergie eine energetische Brücke in die Zukunft sein, in der CO2 Sequestrierung bei fossilen Energieträgern kostengünstig50 und sicher umsetzbar51 ist und die Wirtschaftlichkeit und Versorgungssicherheit regenerativer Energien ausreichend gewährleistet werden kann.
Ob dafür aber zwingend Atomstrom nötig sein wird, bleibt fraglich. Moderne Erdgas Blockheizkraftwerke mit Kraft-Wärme Kopplung sind durchaus in der Lage bei vergleichbarer Wirtschaftlichkeit und ähnlicher CO2 Bilanzen, die drohende Energieversorgungslücke aufgrund des schrittweisen Atomausstiegs, zu kompensieren. Bei einer hinreichenden Diversifizierung der Energieträger und ihrer Importe, sowie einem konsequenten Ausbau regenerativer Energieträger ist es durchaus möglich, die Energieversorgungssicherheit der BRD auf einem hohen Niveau zu gewährleisten, denn nicht zuletzt das externe Kostenpotenzial der Atommüllendlagerung,52 bzw. die Ungereimtheiten beim Wirtschaften mit nuklearen Techniken, lässt es vernünftig erscheinen, auf die Kernkraft endgültig zu verzichten. Für den Fall einer weiteren Nutzung der Kernenergie in Deutschland muss jedoch gewährleistet sein, dass die Subventionierung regenerativer Energien, wie es nach dem EEG konzipiert wurde, nicht durch Subventionen für eine weiterlaufende Atomwirtschaft behindert wird. Die Kernenergie könnte dabei sozusagen als „Billigmacher“ des deutschen Energiemix die höheren Kosten der regenerativen Energieerzeugung kompensieren und somit einen Beitrag leisten, zu einem „sanften“ Übergang in ein Zeitalter sauberer Stromgewinnung. Es muss dabei aber gewährleistet sein, dass altersschwache bzw. betriebsunsichere Reaktoren (vgl. Betriebssicherheit der AKW Krümmel und Brunsbüttel) auf einen aktuellen Stand der Sicherheitstechnik gebracht werden, um jede mögliche Gefahr eines GAU auszuschließen. Die OSART-Studie der IAEA, die dem AKW Neckarwestheim eine vorbildliche Sicherheitsstruktur attestierte, könnte dabei wegweisend sein.
Mittelfristig darf man sich jedoch bzgl. der Energiedebatte nichts vormachen. Es wird eine Mischung verschiedener, optimal aufeinander abgestimmter Energieträger notwendig sein,
um den wachsenden Energiebedarf der Zukunft bezahlbar, ohne zu hohe CO2 Vermeidungskosten, zu decken. Die ohnehin vorhandene Kernenergie sollte dabei weiterhin
ihren Anteil an der Grundlaststromerzeugung liefern, solange regenerative Energien nicht in der Lage sind, die Versorgungssicherheit und die Wirtschaftlichkeit der deutschen Energieversorgung zu gewährleisten. Im Hinblick auf die Betriebssicherheit müssen aber alle
Probleme ausgeräumt sein, um die eventuell nötigen Laufzeitverlängerungen verantwortbar gestalten zu können.
Letztlich aber wird die Frage einer weiteren Nutzung der kontrovers diskutierten Kernkraft in Deutschland dem Entscheidungswillen der Öffentlichkeit unterliegen. Sie wird entscheiden müssen, ob Laufzeitverlängerungen oder gar Neubauten von Kernkraftwerken mögliche
Optionen für eine zukünftige Energiegestehung der Bundesrepublik Deutschland sein können.
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